Toxisch - 2021
Du hast jetzt einen eigenen Klingelton, damit ich immer weiß, wenn du mir schreibst, aber eigentlich hab ich ihn viel mehr, damit ich sofort weiß, wenn du mir nicht geschrieben hast. Ich will nicht, dass es vibriert und in den nächsten drei Sekunden auch nur ein Funken Hoffnung keimt, der sofort wieder erstickt wird. Ich will sofort wissen, ob du es nicht bist. Und manchmal, wenn es ganz schlimm wird, archiviere ich dich, damit ich gar nicht mehr warte. Enttäuscht bin ich aber trotzdem, wenn hinter Archiviert nicht die kleine "1" auftaucht.
Seit Wochen gehören meine Gedanken nicht mehr mir, sondern dir. Und ich bin so müde davon. Bin so müde davon, dass mein Kopf nur noch nach dir aussieht und ich langsam vergesse, wie ich eigentlich ausgesehen habe. Ich stehe neben mir und sehne mich nach einer alten Version meiner selbst. Wer war ich ohne das Warten auf eine Nachricht von dir? Ich greife nach dir und berühre immer nur Luft. Ich versuche in deinen Worten und Taten etwas zu finden, an das ich mich klammern kann, analysiere jeden zu langen Abstand zwischen deinen und meine Nachrichten. Als wär die Liebe ein Dreisatz. Ich bin eine Suchende geworden, tappe blind und taub für gut gemeinte Ratschläge immer nur deinen Brotkrumen hinterher. Reagiere auf jede deiner Regungen, hänge mich an jedem deiner Sätze auf, und du vergisst meinen Namen, sobald ich mich nicht mehr in dein Blickfeld drängen kann. Ich stehe dir zugewandt und sehe immer nur deine linke Schulter. Meine Basic Needs sind dir zu viel, und ich hasse es, zu wissen, dass ich ohne dich besser dran wäre.
Aber ich erkenne langsam wieder, dass ich größer bin, als du mich jemals sehen wirst. Ich erkenne, dass du mir niemals ganz den Rücken, aber auch niemals dein Gesicht zuwenden wirst, dass du mir die Entscheidung, uns sein zu lassen, nicht abnehmen wirst – sondern mich am ausgestreckten Arm verhungern ließest, würde ich es zulassen.

Ich hasse deine Distanz, aber deine falsche Nähe hasse ich noch mehr. Vielleicht lerne ich irgendwann, dass emotionale Abhängigkeit nichts mit Liebe zu tun hat und dass ein kurzes Hoch ein so langes Tief niemals wert sein wird.
Und dann – und das weiß ich ganz genau – gewöhne ich mich langsam an den Geschmack deiner Abwesenheit. Denn ohne das Warten auf dich bin ich wieder viel mehr ich.

