Nur ein Tier
Bei Jaqueline Scheiber habe ich mal gelesen, dass sich der Verlust eines geliebten Menschen anfühlt wie eine Eintrittskarte in den Club des ewigen Verlierens. Ich las diese Zeilen kurz nachdem ich meine Katze gehen lassen musste, und die Vorstellung, dass es ein ähnliches Ticket auch für Menschen gibt, die ein Tier verlieren, half mir in dieser Zeit. Wir teilen den Schmerz, aber auch den Kampf um die Akzeptanz dieses Schmerzes. Mit dem Verlust eines geliebten Tieres kommt auch immer die Erkenntnis, dass Verständnis und Geduld für unsere Trauer zeitlich begrenzt sind. Denn: „Es war doch nur ein Tier.“
Nur ein Tier.
Für keinen Menschen im (Tier)Club des ewigen Verlierens war ein Tier jemals nur ein Tier. Es war ein bedingungsloser Freund, vom ersten Tag an bis zum letzten. Es braucht uns genauso sehr, wie wir es brauchen – vom ersten Moment an bis zum letzten. Wir bauen unser Leben um das Tier herum, jahrelang, vielleicht sogar jahrzehntelang, ist es da, wenn wir einschlafen und wenn wir aufwachen. Und obwohl es uns bestimmt nicht nur eine Nacht in dieser Zeit wachgehalten hat, können wir ohne es gleich gar nicht mehr schlafen. Es ist nicht nur eine bedingungslose Freundschaft, die uns entrissen wurde – es sind Gerüche, Geräusche und Routinen, die uns all die Jahre Stabilität gegeben haben. Nach so vielen Jahren kennen wir kein Leben ohne sie, und doch müssen wir es jetzt neu lernen.
Jaqueline Scheiber schrieb auch:

– und diejenigen, die auch beim hundertsten Mal noch zuhören, sind der sichere Hafen. Die Erkenntnis über den Verlust unserer Vierbeiner kommt nicht im Ganzen, sie kommt in kleinen Stücken, in den alltäglichen Dingen und den leeren Räumen, in denen jetzt etwas fehlt. In der fremden Stille eines Raumes, der früher gefüllt war mit Geräuschen, in täglichen Routinen, die jetzt plötzlich wegfallen, und in dem Bedürfnis, sich nach jemandem umzudrehen, der einem jetzt nicht mehr folgt. Und genau so oft, wie die Erkenntnis uns übermannt, dürfen wir auch darüber sprechen. Diese Verzweiflung ist genauso real, wie es die Liebe war. Menschen, mit denen wir darüber sprechen dürfen, wann immer wir wollen, sind unendlich wertvoll.
Lass dir bitte niemals einreden, dass es „nur ein Tier“ war. Mach dein gebrochenes Herz niemals kleiner, als es ist. Ein gebrochenes Herz ist ein gebrochenes Herz. Schmerz ist subjektiv, und so, wie du ihn fühlst, ist er richtig. Wenn es das Schlimmste ist, was du jemals gefühlt hast, dann ist es das Schlimmste, was du jemals gefühlt hast – und niemand hat das Recht dazu, deine Gefühle kleinzureden. Jeder, der ebenfalls den Verlust eines Tieres erlebt hat, würde dasselbe sagen.
Es ist ein scheiß Club, sagen wir’s, wie es ist. Aber für diejenigen von uns, die sich Tiere als Freunde aussuchen, ist der vorzeitige Beitritt unumgänglich. Um es mit den Worten von E. A. Bucchianeri zu sagen: „So it’s true, when all is said and done, grief is the price we pay for love.“ Liebe kostet Trauer – und trotzdem sind wir für die Liebe bereit, diesen Preis zu zahlen. Weil es sich lohnt. Niemals würden wir uns wünschen, dieses Tier nicht in unserem Leben gehabt zu haben, nur, um den Schmerz des Verlustes zu umgehen.

Aber – es ist immer noch Liebe.

