Hier, das wirst du irgendwann einmal vermissen–
„Nur ein Wort“ von Wir sind Helden war vor ziemlich genau einundzwanzig Jahren in den Charts, damals war ich fünfzehn, also ungefähr so alt wie die Kids hier, die mit Boxen und Plastikbechern bewaffnet jede Zeile mitgröhlen können. Ich hab mal gelesen, dass sich Klamottentrends alle zwanzig Jahre wiederholen, dann muss das mit Musik wohl genauso sein, denke ich, während meine Flipflops im Takt an der Partymeute vorbeifloppen. Langsam tun mir die Füße zwischen den Zehen weh, unser Isar-Spaziergang ist irgendwie ausgeartet, weil alles zwischen Reichenbach- und Eisenbahnbrücke im Sommer Playa de Palma ist und wir ziemlich weit laufen mussten, um dem Partyvolk zu entkommen. Trotzdem will ich laufen. Was gibt es Schöneres, als an einem Sommerabend nach Hause zu spazieren und dem eigenen, alten Leben im Vorbeigehen zu begegnen?
Ob diese Teens wohl wissen, was sie gerade für eine geile Zeit haben, frage ich mich. Sind sie sich bewusst darüber, dass diese Zeit nie wieder kommen wird? Nicht, dass es nie wieder gute Zeiten geben wird, das bestimmt nicht, aber genau diese Zeit kommt nie wieder. Die Zeit, in der Maja mit Can auf der Party von Emma knutscht, obwohl sie eigentlich mit Luca zusammen ist. Die Zeit, in der jedes Wochenende eine andere Isarparty stattfindet und die erste große Liebe noch wirklich die für immer ist, in der man an seinem ersten Joint zieht und sich dabei von der Polizei erwischen lässt (das hab ich mir jetzt natürlich nur ausgedacht) und die einzigen Probleme Schulnoten und Lehrer und der eigene, komische Körper sind. Zumindest für die Privilegierten unter uns, wie mich, die sich damals überhaupt nicht bewusst darüber waren, was für ein Glück sie eigentlich hatten.
Und während Judith hinter mir immer leiser „Oh, bitte gib mir nur ein –“ singt, stelle ich mir vor, wie ich versuche, den betrunkenen Teenagern zu erklären, dass sie diese Momente bitte ganz, ganz festhalten sollen.

Wieso wünschen wir uns immer nur, das innere Kind zu heilen, in der Zeit zurückzureisen und uns selbst „alles wird gut“ zu sagen – anstatt uns zu fragen, was eine viel ältere Version unseres Selbst heute zu uns sagen würde? Was, wenn neben uns immer eine Zukunftsversion unserer selbst stünde, die uns ins Ohr flüstert:

Mit sechzehn hätten wir uns wahrscheinlich trotzdem nicht geglaubt. Ich hätte mir nicht geglaubt, weil mein Leben ja „voll scheiße“ und ich nicht „dünn genug“ war und meine Mutter der Feind, weil sie mir immer wegen der blöden Küche in den Ohren hing. Jetzt sind diese Erinnerungen meine kostbarsten und rohsten an mich als kleinen Menschen, der die Welt gerade erst kennenlernt.
Ich blicke von der Brücke aus noch einmal auf die dunkle Isar und die Partymeute herunter und bin traurig, weil ich’s den Teenies nicht erklären kann. Das Leben muss erst voranschreiten und ernster werden, bis man erkennt, was man an all dem hat.
Und so flipfloppe ich weiter vor mich hin, schaue urteilend auf das Leben der Kids herab, die so wenig verstehen – während ich selbst umherlaufe, ohne zu merken, dass genau dieser ganz normale Abend vielleicht eines Tages ebenfalls eine kostbare Erinnerung sein wird.

„Hier, das wirst du irgendwann einmal vermissen, also genieß es“, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Meine Stimme, aber älter. In meinen Gedanken formt sich das Bild einer alten Frau mit runzligen Tattoos, die mich über den Rand ihrer – meiner – großen Lieblingsbrille anlächelt.
„Du wolltest eine Zukunftsversion deiner selbst“, sagt sie,
„hier bin ich. Es geht mir gut, obwohl mir das Laufen schwerfällt und ich ganz sicher nicht mehr mit Flipflops fünf Kilometer an der Isar spazieren könnte, aber es geht mir gut, weil ich gelernt habe, Momente zu genießen, wenn sie passieren. Du sagst, du willst diesen Teenagern etwas erklären, ich will es dir erklären: Sieh deine Welt manchmal durch meine Augen, und dann ist es ganz einfach. Du kannst das jetzt. Du bist alt genug, hast genug Brücken abbrennen und Menschen kommen und gehen sehen, es muss nicht alles erst schlechter werden, damit du das Gute erkennen kannst. Du kannst das au ch jetzt schon. Leb einfach jeden Tag so, als würde ich dir dabei zusehen. Dein Leben ist noch lang und ganz oft sehr schön. Du hast Angst vor dem Älterwerden, aber vergisst dabei, dass du niemals wieder so jung sein wirst wie heute. Niemals wieder so jung wie jeden Tag, der noch folgt. Ich sage dir, du willst dich und deine Freunde lieber alt und faltig sehen, als gar nicht mehr.
Schau dir den heutigen Tag an, diesen Sommer und diesen Spaziergang. Ich erzähle auch jetzt, mit achtundsiebzig, noch davon, wie ich damals jeden Sommer von der Isar nach Hause gelaufen bin, wie ich in dieser schönen Altbauwohnung gewohnt und mich über meinen Nachbarn aufgeregt habe. Ja, ich erzähle auch von viel früher und von Sherry, aber ich erzähle auch hiervon. Ich erzähle auch von den Vierzigern und den Fünfzigern und all den Jahren danach. Und auch an meinem letzten Tag werde ich noch von den guten Zeiten erzählen, als B. und ich unsere runzligen Hände hielten.“
Fast vor meiner Haustür angekommen, gehe ich einfach daran vorbei, in einem Bogen zurück in Richtung Isar, und tippe eine Nachricht in mein Handy: „Bist du schon los? Spazieren ist gerade so schön, ich hol dich ab. Weil weißt du, irgendwann, wenn wir achtundsiebzig sind, dann werden wir davon erzählen, wie du hier um die Ecke gearbeitet hast und ich dich in lauen Sommernächten abgeholt habe, damit wir nachts noch ein bisschen spazieren können.“
Die runzlige tätowierte Frau lächelt mich zufrieden an und schiebt ihren Rollator noch ein paar Meter neben mir her. „Ich bin stolz auf dich“, sagt sie zu mir, sage ich zur siebenundzwanzigjährigen Angela, sagt die zur zwanzigjährigen und die zur sechzehnjährigen Angela. Zwei davon hören noch nicht richtig zu, aber das ist okay.
