Aber heute ist ein guter Tag
Ein Text aus Oktober 2025 –
Das Beste, was ich in den letzten zwei Wochen getan habe, war, schwimmen zu gehen. Und es war mutig von mir das zu tun, weil man nur mutig sein kann, wenn man etwas tut, das einem Angst macht. Ohne Angst kein Mut. Mir hat es Angst gemacht, ungeschminkt und allein in ein Schwimmbad zu gehen, nicht zu wissen, was für eine Eintrittskarte ich kaufen soll, wo ich dieses Ding dann reinstecken soll, wo ich mich umziehe, wie ich mich in diesen neuen Räumen bewege, ohne dass natürlich jede:r sofort bemerkt, dass ich seit bestimmt vierzehn Jahren nicht mehr in einem Schwimmbad war. Man vergisst nicht, wie man schwimmt, aber wie schwimmt man eigentlich richtig, ohne den Kopf ständig über Wasser zu halten? Gibt es Regeln im Schwimmerbecken, die ich nicht kenne, und brauche ich eine Schwimmbrille wegen der Kontaktlinsen? Oder trägt jemand, der so schlecht schwimmt wie ich, überhaupt eine Schwimmbrille? All diese Dinge musste ich überwinden, um überhaupt da hinzugehen, und beim ersten Mal habe ich mich ehrlich gesagt nicht in dieses große, kalte Becken getraut, sondern habe mich nur im warmen Outdoorbecken treiben lassen und den dunklen Himmel angestarrt. Und trotzdem war ich hier auf einmal schmerzfrei.
Schmerzfrei. Ich hab ganz vergessen, wie sich das anfühlt. Wenn man mich fragt, dann habe ich mittlerweile – nach zwei Monaten Rückenschmerzen – den gesamten Umfang eines Heilungsprozesses durchlebt, die ganze Nichtlinearität, das ganze Hin und Her. Es heißt nicht umsonst Ver-ZWEI-flung. Das ständige Pendeln zwischen diesen beiden Polen: Hoffen und Aufgeben. Aber mich fragt ja leider keiner.
Einen Abend vor meinem ersten Schwimmbadbesuch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nach dem Guten in der ganzen Misere suchen muss. Ich hab das doch schon mal geschafft, im Oktober 2017, als ich mit Liebeskummer bepackt von einer Leiter geflogen bin und nach der OP acht Wochen auf Krücken unterwegs war. Das war scheiße, aber ich war noch so überzeugt davon, dass manche beschissenen Dinge auch für mich passieren. Ich bin dankbarer geworden für Freunde und Familie und für meine beiden gesunden Beine. Vor allem aber bin ich ruhiger geworden, weil auf einem Bein alles länger dauert. Ich war mit einem Mal wieder im manuellen Modus, der Autopilot kaputt.

Und vielleicht, nur ganz vielleicht, ist es gerade ähnlich, und dieses ganze Dagegenankämpfen, dieses ganze „Wann wird es endlich wieder besser?“, ist eigentlich nur der Wunsch, wieder auf Autopilot mit Scheuklappen durch die Welt laufen zu können. Weil das doch so viel einfacher ist.
Dort im warmen Wasser, Körper auf manuell, ohne Make-up und Handy, lässt der Schmerzklumpen im Rücken auf einmal locker. Sogar das Ausatmen und das Auf-den-Boden-Sinken-Lassen fielen mir leicht. Ausatmen ist nämlich nicht so mein Ding. Einatmen und Aushalten, das kann ich, aber ausatmen, bis ich leer bin, das muss ich wieder üben. Und als ich da so Inhaltslos in der Schwerelosigkeit trieb, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen konnte, ging’s mir so gut wie seit Monaten nicht mehr.

Und wegen des Kinderfußes in meinem Gesicht hab ich dann doch beschlossen, mir eine Schwimmbrille zu kaufen.
Das zweite Mal wusste ich schon, was ich sagen muss für die passende Eintrittskarte. Das zweite Mal hatte ich mich für einen Sport-BH entschieden, weil ich mich darin am wohlsten fühle, und das zweite Mal habe ich mich sogar ins große Becken getraut. Die ersten fünf Minuten stand ich ganz am Rand neben der Treppe, habe nur beobachtet und versucht, herauszufinden, ob es ein System gibt, ob man vielleicht hier in diese Richtung und dort in die andere schwimmt. Bis ich erkannt habe, dass es scheißegal ist, weil hier sowieso jeder macht, was er will. Dass ich höchstwahrscheinlich wieder die Einzige bin, die sich so viele Gedanken darum macht, bloß niemandem im Weg zu sein. Also bin ich losgeschwommen. Mit Schwimmbrille. Und bei jedem zweiten Zug hab ich sogar unter Wasser ausgeatmet. Danach wieder Leerwerden in der Schwerelosigkeit, diesmal ohne Fuß im Gesicht.
Heute ist Montag, und das bedeutet, ich gehe in Rückenschmerzwoche neun und das dritte Mal schwimmen. Aber heute ist ein guter Tag. Ich hab mir die Haare geflochten, damit sie mir nicht ins Gesicht hängen, und ich habe mein Shampoo und meine Spülung eingepackt. „Kurzschwimmer“, hab ich gesagt. „Fünf Euro, bitte“, hat der Mann am Tresen geantwortet. Ich nehme die gleiche Umkleide wie immer und freue mich darüber, dass Spind 257 schon wieder frei ist. Hauptsache, eine Sieben ist mit dabei, und die Quersumme ist sogar vierzehn, auch durch sieben teilbar. Ich laufe direkt zum großen Becken und freue mich darüber, dass am Montagvormittag offensichtlich kaum jemand da ist, außer mir und ein paar freundlichen älteren Damen. Und ein paar Kindern, für die ich hoffentlich auch eine freundliche ältere Dame bin. Heute schwimme ich ein bisschen länger, nehme ich mir vor. Wie viele Bahnen genau, entscheide ich bei Bahn Nummer sieben: Zweiundzwanzig sollen es werden, so viele schwimmt Tilda ja auch immer. Ist nicht durch sieben teilbar, aber damit kann ich leben. Trotzdem mach ich bei dreimal sieben kurz Pause, stelle mich auf diese kleine Ausbuchtung am Rand des Beckens, zieh meine Schwimmbrille ab und fange an zu weinen. Weil ich gerade keine Schmerzen habe, weil ich die letzten drei Bahnen jedes Mal beim Ausatmen den Kopf unter Wasser halten konnte, weil ich einen neuen Ort und eine neue Aktivität von meiner Angstliste streichen kann und weil ich einfach noch nie in einem Schwimmbad geheult habe.

beschließe ich. Das ist nämlich auch wichtig für die mentale Gesundheit.
Wieder zu Hause kehrt der kleine Schmerzklumpen langsam zurück, drückt auf alles Drumherum, aber nicht auf den Kopf und auch nicht aufs Herz. Er ist einfach da, mein ständiger kleiner Begleiter, und als ich diesen Text beginne, sag ich ganz kurz und ganz leise Danke, weil er mich dazu gezwungen hat, manuell einen Gang runterzuschalten und eines meiner vielen „Ich kann das nicht“ in ein „Ich kann das“ umzuformen.
Ich hole mir Zettel und Stift, schreibe „Das Gute in der Misere sehen“ und notiere die Punkte „Hab mich getraut, schwimmen zu gehen“ und „Ich lerne, einen Gang runterzuschalten“ darunter.
Außerdem noch: „Hab endlich mal wieder einen schönen Text geschrieben.“

Oktober 2025